• Journalismus und Einblicke zweier Kulturen...

    Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“

    Zwei bedeutende historische Figuren in ihren unbekannten und bekannten Facetten: der Sohn, der Vater/Kollege und der Wissenschaftler

     

    Was über Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann gesagt wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt einen etwas ranzigen Beigeschmack haben. Letztlich ist es ein Buch, das 2006 heraus gekommen ist. Lohnt es sich also, sich etwas “so Altem” zu widmen? Ich persönlich denke ja, und das aus vier Gründen: erstens, weil der Roman die Parallelen, Unterschiede und Kontraste der Leben von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß, zwei Wissenschaftler, die bis heute das menschliche Wissen beeinflussen, erzählt, und zwar in einer für jene Zeit innovativen Art und Weise;  zweitens, weil es uns einlädt, eine Reise durch die Zeit zu machen, um amerikanischen Boden zu erkunden und zwar kurz vor seiner Freiheitsrevolutionen, sowie russisches Territorium zu Zeiten der Zaren; drittens, weil es uns die Möglichkeit gibt, in die menschliche Seite zweier außergewöhnlicher Persönlichkeiten und der Nebenfiguren, die in ihrem Schatten lebten, einzudringen; und viertens und letztens, weil es uns erlaubt, die Erzählwerte eines Werkes zu sondieren, das als zweiterfolgreichstes deutschsprachiges Werk nach Das Parfum von Patrick Süskind gehandelt wird, sowie den literarischen Stil einer der zurzeit bekanntesten deutschen Schriftsteller zu  erkunden. Mit diesen Argumenten ist nun alles parat, um sich dem Inhalt zu widmen.

    © T. Torres-HeuchelIn 16 Kapiteln, die die bedeutendsten Ereignisse, Orte, Personen und Leidenschaften im Leben von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß schildern, präsentiert Kehlmann diese beiden Figuren abwechselnd, eingebunden in eine fortlaufende Geschichte, die mehr als nur einen Höhepunkt erreicht. Historisch begründet greift der Roman jedoch auch auf Fiktion zurück, wobei dieses Charakteristikum seine Hauptqualität ist, da es uns einen Einblick in die Welt des verborgenen Lebens dieser Persönlichkeiten gewährt, das durch die Zeit und das Ausmaß der in ihrem realen Leben erzielten großartigen Leistungen in den Hintergrund tritt. Auch Fantasie kommt zum Einsatz, vor allem im Hinblick auf das Lebensende von Aimé Bonpland, Humboldts Kollege auf seiner Expedition durch Amerika, kombiniert mit starken Verankerungen in der Realität bis hin zu einem offenen Schluss im Kapitel über Eugen Gauß, der gering geschätzte Sohn des genialen Mathematikers.

    In Die Vermessung der Welt konzentriert Kehlmann seine Erzählung auf die Entdeckungsreisen von Humboldt und seine wissenschaftlichen Nachforschungen in dieser Neuen Welt Anfang des 19. Jahrhunderts, sowie die Anekdoten und Untersuchungen, die die Existenz von Gauß charakterisieren. Zwei ähnliche und doch in ihrer „Lebensexpedition“ unterschiedliche zeitgenössische Figuren.

    Aus der Perspektive des lateinamerikanischen Lesers zeigt Die Vermessung der Welt die amerikanische Welt (heutiges Nord-, Mittel- und Südamerika) zu Beginn des spanischen Rückzugs: die Vereinigten Staaten, fast eine angehende kleine protestantische Gemeinde, und die geopolitischen Konsequenzen der Freiheitsrevolution in den von Spanien kolonisierten Gebieten. Die in einigen Passagen rekurrente Frage ist: Was wäre passiert, wenn …?

    Für den Expat beschreibt das Buch Situationen und Empfindungen wie die von Menschen, die lange Zeit von ihrer Muttersprache und Kultur distanziert leben, und für den Reisenden des 21. Jahrhunderts eröffnet sie Szenarien, die noch immer Fantasien wecken. So hält Die Vermessung der Welt dem Lauf der Zeit stand und bleibt ein Buch, das die Magie lebendig hält.

    Daniel Kehlmann
    Die Vermessung der Welt
    Rowohlt Verlag GmbH
    Taschenbuchausgabe, 302 Seiten
    ISBN: 978 3 499 24100 0
    Teresa Torres-Heuchel
    Übersetzung: Antje Linnenberg

     

    Zur Zeit keine Kommentare

    Kommentar verfassen

     

     

     

     

     

    SUBSKRIPTION

    Erhalte die NIEMANDSLAND-Neuigkeiten per E-Mail: