• Journalismus und Einblicke zweier Kulturen...

    Wie geht es eigentlich der Musik?

    Nun, da Bach und Beethoven tot sind, fragt man sich, ob es in Deutschland überhaupt noch eine bestimmte Musik gibt, die den Rhythmus in Deutschland vorgibt. Und wenn, welche Melodie spielt sie? Deswegen machen wir heute einen ganz kurzen Ausflug ins Reich der modernen Töne – wie immer ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

    Es soll Bands geben, die nur noch auf iPads spielen – sie benutzen sie als Bongos und Cajones, als Klavier und viele Instrumente mehr. Der Manager von ON – dem Zentrum für neue Musik in Köln erklärt mir, dass es eine ganze Reihe solcher experimenteller Bands gibt. Wir kamen ins Gespräch, als ich auf der Suche nach einem Musikevent für einen Kongress mit 200 Teilnehmern war. Wir sollten für diesen Event einfach einen Stapel iPads für das Publikum bereitstellen, sagte er, dann könne jeder der 200 Zuschauer ganz einfach und spontan in die Session einsteigen und mitmachen. Wenn der Veranstalter noch ein Mikrophon mitbringt, ist die Einspielung von Beethovens Fünfter Symphonie im Handumdrehen fertig. Zusammengefasst: Mit soviel Technologie in unserem Alltag brauchen wir Beethoven scheinbar nicht mehr.

    Von welcher Musik träumt mein Computer, wenn er schläft? So etwas zu spüren ist Aufgabe der Musiker, deswegen frage ich einen echten ON-Avantgardisten, Thomas Gläßer. Er weist mich auf das Tiny Noise Festival hin, dort würde ich Musiker finden, die mit Consumer Elektronik abrocken, gehackten Gameboys zum Beispiel. Klingt interessant finde ich und nehme eine Kostprobe bei Luka „toyboy“ Ivanovic: twinty-nine micro-concerts for elevators. „Wo wir sind ist vorne“ lautet der Subtext seiner Facebookseite und ich lasse mich von dem Strom mitziehen bis zu einem link flavors.me, der kurz ein Biennale-Logo aufflackern lässt und mir dann auf einer blanken Seite Programmierer-Infos darüber zukommen lässt, wo gerade welche Daten hin gespeichert werden. Am Ende der Liste stand: „Jetzt werden alle ihre physischen Erinnerungen auf CD gebrannt“, danach stürzte mein Rechner ab.

    Hände weg von der Avantgarde, wenn man es nicht kann! schimpfe ich mich und  verabschiede den Klavierstimmer, der sein halbjährliches Werk verrichtet hat, während ich diese Zeilen schrieb. Genau genommen klang sein Intervall-Gehämmer  an diesem kühlen und sonnigen Morgen genauso herzerfrischend unfertig wie alle Musik im Netz zusammen.

    Rosetta. Wilkimedia CommonsDabei habe ich es ja wirklich versucht mit der neuen Musik. Habe aufgepasst in der Schule, als die Zwölftonmusik drankam und sitze gerne auf dem Waldfriedhof in Kürten und schaue auf die große VA-Platte mit der Lichtformel, unter der Karlheinz Stockhausen liegt. Er war ein Visionär zeitgenössischer Komposition, der in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts Vorstöße in die elektroakustische E-Musik sowie in serielle und aleatorische Kompositionsgriffe unternahm. Warum die Partitur auf dem Grabstein mit dem Wort „buh!“ aufhört, will mir bis heute nicht in den Kopf. Vielleicht erschließt sich mir der Sinn, wenn ich alleine in einer stürmischen Mondnacht auf den Friedhof gehe.

    Immerhin danke ich dem Himmel, dass ich nicht bin wie diese da. Die anonymen Gröler in der Kölner Philharmonie nämlich, die den iranischen Cembalisten Mahan Esfahani rüde in seinem Stück Piano Phase von Steve Reich unterbrachen und unerzogen im Saal herumpöbelten. Früher gab es eine vornehme und eine unvornehme Art, auf etwas zu reagieren, was einem nicht gefiel: Schweigen war die erste und lautes Schimpfen die zweite Variante. Variante eins ist mittlerweile ausgestorben, weil man damit nicht ins Fernsehen kommt. Doch immerhin hilft die unschöne Vorstellung in der Kölner Philharmonie bei der Reflexion über die modernen Verhaltensweisen öffentlichen Nicht-Gefallens.

    Noch kann man in Deutschland allerhand zu neuer Musik aus dem Radio erfahren. Stimmt, dachte ich, als auf WDR5 eine neue Platte des Jazzpianisten Matthew Shipp besprochen wurde. Stimmt nicht, sagte das Feuilleton, als Wochen später das WDR-Programm Funkhaus Europa von einer Plattform für Weltmusik in „Dudelfunk“ umgewandelt wurde. Schade, wirklich. Nicht nur für Außenseiter, die ihre Nase zwanghaft in komische Klangmischungen hineinstecken müssen. Auch für alle, die manchmal Sehnsucht nach Salsa und Trufi-Musik haben – was in deutschen Taxis einfach unvorstellbar ist.

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