• Journalismus und Einblicke zweier Kulturen...

    Kommt Zeit, kommt Rad

    Aus dem Zugfenster sehe ich, wie ein Mann zügig zwischen Alleebäumen entlangradelt. Es wirkt unglaublich gerade, wie er da fährt. Wie der Inbegriff der geraden Linie. Und doch wissen wir alle, dass am Fahrrad kaum etwas gerade ist. Die Räder sind rund, die Teile beweglich und das Ding an sich kippelig. Jeder Liebhaber des Rades jedoch kennt das Gefühl, wie an einer Schnur gezogen durch die Kurven zu surren, in Schleifen zu gleiten und auf den Punkt zum Stehen zu kommen. Selbst gemacht, ohne Motor. Toll!

    Dieses Toll-Gefühl wird Kindern in Deutschland vermittelt ab dem Alter von 2 bis 3 Jahren. Dann bekommen sie seit ein paar Jahren Laufräder: 10 Zoll Reifendurchmesser, leichte Lenkung, keine Pedale – und keine Bremsen! Sobald sie mit den Füßen auf den Boden kommen, müssen sie die Balance halten, lernen vom Schwung zu leben, die Kurve zu fürchten und zwischen aufwärts und abwärts zu unterscheiden. Vorbei ist die Zeit der behäbigen Dreiräder und der Lernfahrräder mit seitlichen Stützrädern, auf denen man fuhr wie auf einem rollenden Sesselchen. Man kippte auf ihnen wahlweise nach rechts oder links, lernte aber nicht, das Gleichgewicht zu halten. Das macht den Unterschied zwischen den Grob- und Feinmotorikern unter den Radlern aus.

    Für die einen ist das Rad eine Fortsetzung des Handwägelchens oder Pferdefuhrwerks, das ihnen hilft, das eigene Gewicht etwas leichter nach vorne zu schieben, für die anderen ist der Schwung aufs Rad gleichbedeutend mit einem kybernetischen Quantensprung in eine andere Bewegungsdimension.

    Da beide Gruppen groß sind und stetig wachsen, kann man ahnen, dass die Gesamtheit aller deutschen Fahrradfahrer keinen innigen Freundeskreis ergibt sondern Gruppen mit jeweils eigenen Interessen.

    Das fängt mit den Fahrbahnen an. Das deutsche Verkehrssystem ist in dieser Hinsicht auf den PKW-Verkehr ausgerichtet und mit ihm gewachsen. Die extremste Form ist dabei die Autobahn, auf der Fahrräder sogar verboten sind (anders als in Chile etwa), Auslegungssache sind die Landstraßen, auf denen Fahrräder zwar erlaubt sind, sie sich jedoch meistens eine Fahrbahn mit PKWs und Lastwagen teilen müssen, die ungleich schneller und größer sind. Und was ist mit den Straßen in den Städten und Orten? Theoretisch sind innerhalb von Ortschaften auf jeder Trasse drei Fahrbahnen angelegt; eine für Fußgänger, eine für unmotorisierte Fahrzeuge, sprich Fahrräder, und eine für Motorfahrzeuge. In der Praxis mischen sich auch unter die Fußgänger immer mehr Reifen in Form von Kinderwägen, Rollatoren, Rollstühlen und Elektromobilen, Fahrräder noch gar nicht mitgerechnet. Es ist eine gesellschaftliche Errungenschaft, dass Mütter nicht ans Haus gefesselt sind und Mitbürger, denen das Gehen schwerfällt, alleine draußen zurechtkommen. Doch aktuell sieht man allerorten nur den Kampf um Platz und Fläche und nicht die großartige Freiheit für alle, die dahinter steht.

    Die Fahrradwege sind von Stadt zu Stadt sehr verschieden. Das Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur lässt regelmäßig durch den ADFC (Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club) einen „Fahrradklimatest“ durchführen, der von jeder deutschen Stadt sowohl den aktuellen Stand in den Umfragen anzeigt als auch eventuelle Verbesserungen oder Verschlechterungen gegenüber den Vorjahren. Meistens herrscht in den Städten ein Mix aus einigen sehr gut ausgebauten Hauptstrecken und holperigen und zugeparkten Nebenstrecken, die irgendwo im Nichts an einem Schild enden „Ab hier können Sie auf der Straße weiterfahren“. Wie sich der gemeine Radler dazu verhält, ist verschieden: Unsichere zählen sich rechtlich zur Gruppe der Kinder unter 12 Jahren und fahren gesetzeswidrig auf dem Bürgersteig, sehr sichere Fahrer zählen sich zu den Autos und benutzen die Hauptfahrbahn. Je nach Gemüt kann das stressen oder Spaß machen, was man im Berliner Morgenverkehr reichlich überprüfen kann. Beide Gruppen haben es jedoch nicht leicht und man liest viel von ihnen auf den Gerichtsseiten in den Zeitungen. Ich habe sogar von einer Klage gegen einen Fahrradfahrer gehört, der gegen das Rechtsfahrverbot verstoßen hat, weil er einer plötzlich geöffneten LKW-Fahrertür zu weiträumig ausgewichen war. Wäre er nicht ausgewichen, hätte er mit viel Pech zu den 400 jährlichen Fahrradtoten Deutschlands gehört und ihm wäre ein so genanntes Geisterrad, ein weiß lackiertes Gedenk-Fahrrad, an der Unglücksstelle aufgestellt worden. Soviel zum Radeln in der Stadt.

    Auf dem Land wäre es anders, denkt man, da weniger Menschen unterwegs sind und die Muse, der leichte Schritt des Müßiggangs sowie die Begegnung zwischen Naturfreunden alle friedlich stimmt. So ist das auch. Es ist ein großer Urlaubssport geworden, mit dem Fahrrad von Stadt zu Stadt zu fahren. Das Radreisen ist eine eigene Branche geworden und das überregionale Wegenetz gut ausgebaut. Es gibt eigene Radlerhotels mit Unterstellmöglichkeiten und Reparaturwerkstatt. Und es macht großen Spaß, am Morgen mit nichts als zwei Rädern unterm Po und drei T-Shirts in der Satteltasche in die verheißungsvollen Morgennebel zu radeln und außer dem Surren der eigenen Reifen dem Land bei seinen Alltagsgeräuschen zuzuhören. Das Geräusch, das man unter Outdoor-Fahrern jedoch am meisten hört, ist das Fachsimpeln. Denn dort geht es an die Substanz, ans Wort an sich: Ist es ein Bike, ein Fahrrad, ein Touren-, Trekking- oder Mountainbike? Hat es einen Carbonrahmen? Ledersattel? Einen 80 Lux-Scheinwerfer?

    Diese Begriffe füllen nicht nur ganze Fahrrad-Blogs und Lexika sondern auch sie Taschen eines ganzen Marktes. Wer vorne mitfahren will, lässt sich sein Fahrrad in einer Manufaktur auf die individuelle Körperform maßschweißen und sucht sich selbst dazu Bremse, Sattel und Schaltung aus. Nach oben kennt die Ausstattung keine Grenzen: Für die einen sind unsichtbare Kabel, GPS-Markierung gegen Diebstahl und frostsichere Dämpfungen und Federungen der Gipfel des Luxus, andere lassen sich Alu-Anhänger bauen oder bequeme Aufbauten für den Kindertransport anfertigen. Liegefahrräder und Exoten aus Gold oder Mahagoni seien nur der Vollständigkeit halber erwähnt. So richtig durchgesetzt hat sich noch keines davon in Deutschland.

    © F. SörgelDer Fahrradmarkt ist aber nicht nur interessant für die teuren Modelle. Nach dem Bericht „Radverkehr in Zahlen“ des Ministeriums für Verkehr und Infrastruktur kamen 2013 auf 100 Haushalte 185 Fahrräder aber nur 109 Autos. Insgesamt stehen in Deutschland 72 Millionen Fahrräder, fast so viel wie Einwohner. Die Zubehör-, Versicherungs- und Reparaturindustrie kann das Automobil zwar nicht einholen, entwickelt sich jedoch ungebremst nach oben. Die Inlandsverkäufe an Fahrrädern, die durch reine Muskelkraft betrieben werden sind seit 2008 leicht rückläufig, während 2013 von elektrisch verstärkten Drahteseln, wie Pedelecs und E-Bikes 410 Millionen Stück verkauft wurden. Diese neuen Radl-Hybriden, die wiederum nach einer eigenen Infrastruktur, sichereren Stellplätzen und Aufladestationen verlangen, bringen noch mehr Menschen an die frische Luft und raus aus dem Auto. Die angestrebte Zahl des ADFCs ist 15: 15% aller Fahrten sollten mit dem Fahrrad getätigt werden. Derzeit sind es in Deutschland 14,5%.

    Der Blick geht dabei stets Richtung Holland oder Dänemark, die als Vorbilder hinsichtlich der Entwicklung des privaten Verkehrs gelten, der aus verschiedenen Gründen langsam vom eigenen PKW wegelenkt werden soll.

    Für Einsteiger liegen die Vorteile des Rades auf der Hand: Man braucht keinen Führerschein, obwohl man in der Schule einen vom Verkehrspolizisten ausgehändigt bekommt, den man aber nie vorzeigen muss. Die Anschaffung kann günstig sein, wenn man sich auf dem großen Second-Hand-Markt bedient und man ist unabhängig vom internationalen Ölpreis.

    Mein Schwiegervater hat es mit dem stoischen Gebrauch seines Drahtesels sogar bis in die Zeitung gebracht: Nur weil er mit 92 Jahren immer noch die 70 Kilometer bis zu seinem bevorzugten Frisör mit seinem Rad zurücklegte, hielt ihm die Presse eine Doppelseite in der Wochenendausgabe parat. Dafür muss mancher PR-Spezialist lange arbeiten.

    Doch vor der Türe liegt meistens ein dicker Schweinehund, der viele ab Oktober daran hindert, sich dick verpackt nach draußen zu wagen, denn das Fahrrad mit Dach und Heizung ist noch nicht erfunden worden. Und wenn doch, dann heißt es Auto.

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