• Journalismus und Einblicke zweier Kulturen...

    Kommen? Gehen? Bleiben?

    Als hätte jemand vergessen, die Schiebetür der Erde wieder zuzumachen, so hagelt es in diesen Wochen in voller Fahrt Rein-und-Raus-Nachrichten. In Deutschland spricht man vom Sommerloch: Vielleicht bedeutet es nicht, dass die Zeitungen nicht wissen, über was sie berichten sollen, vielleicht verschwinden die Dinge tatsächlich! England zum Beispiel ist aus der EU verschwunden. Angeblich war die Mehrheit überzeugt davon, dass abhauen besser ist als bleiben. Von der anderen Seite kam prompt die Ukraine und wollte den freien Platz haben.

    © F. SörgelDieses Kommen und Gehen hatte – wenig überraschend – eine hohe Fluktuation von Politikern zur Folge: David Cameron, der britische Premierminister ging sofort, Nigel Farage, Chef der United Kindom Independence Party (UKIP), der die Brexit-Suppe angerührt hatte, gleich hinterher. Verblüffenderweise geht ihnen immer ein Hut voraus: Sie nehmen ihren Hut, heißt, sie möchten gehen. Oder sie werfen ihren Hut in den Ring: sie möchten gerne kommen. Daraus lernen wir: der Hut ist der Potentialis für den Kopf und ist in der Lage, die wahren Absichten der Politiker zum Ausdruck zu bringen.

    Diese Ausdrücke wendet man jedoch nicht auf Schönheitsköniginnen an, obwohl man sowohl in der Politik als auch bei Miss-Universe-Wahlen sachlich richtig das Wort Wahlkampf anwenden kann. Donald Trump wird dies bestens wissen, denn er war bis 2015 Besitzer der Veranstaltung. Donald Trump. Auch so ein Hutwerfer. Von dem kommt bestimmt auch noch was fürs Sommerloch.

    Wenden wir uns an dieser Stelle lieber dem Sport und der Kultur zu. Sport heißt in diesem Fall: FußballEuropameisterschaft und Copa América. Während die Engländer beim Fußball schon noch gerne mitgespielt hätten, („sie hätten nicht gewusst, dass man rausfliegen kann und möchten die EM wiederholen“, zitieren die sozialen Netzwerke) sagte diesmal die Gegenmannschaft „see EU later“: die Isländer.

    Im historisch schlechten Monat Juni erweiterten die isländischen Nachfahren Harald Schönhaar ihr Landnahmebuch um das Kapitel „Engländer aus Frankreich verjagt“. Bei aller historischen Dramatik um die splendid isolation der Söhne Britannias darf jedoch die eigentliche Herzwunde des Sports nicht übersehen werden: Der Abschied von Lionel Messi. Das Wort gehen ist hier in der Tat ein schweres, vielleicht will er deswegen doch lieber wiederkommen?

    Über Harald Schönhaar, den alten Wikinger, könnte hingegen noch einiges gesagt werden: Über das Kommen und Gehen von Männerhaaren nämlich. Da habe ich gute Nachrichten: Aus Berlin kommen bald mehr Haare. Dort haben alle Männer unter Dreißig einen gedrehten Dutt auf dem Kopf und einen dichten Bart am Kinn. Ein Trend „im Kommen“ also – bald wird er die Westdeutsche Provinz und ihre Fernsehstudios erreicht haben.

    Nachwuchs braucht die Westdeutsche Fernsehprovinz allemal, denn ein großer Fernsehliebling ist dieser Tage von uns gegangen, Götz George. Und auf internationaler Bühne der Modefotograf Bill Cunningham. In der deutschen Presse kommen auf 17 Todesnachrichten über Götz George gerade mal eine über  Bill Cunningham. War das schon wieder das Sommerloch oder die normale Quote öffentlicher Wahrnehmung von Leuten vor und hinter der Kamera?

    Götz George war ein Krimidarsteller, der sich so verhielt, wie sich deutsche Männer in den 80er sehr gerne gesehen hätten: Schnauzbart, offene Lederjacke und ein dickes Fell gegen Figurprobleme. Ein paar von denen leben immer noch. Bill Cunningham wirkte wie ein Hausmeister und auf seinen Fotos sah man stets zuerst die Schuhe. Zusammen beweisen sie wieder einmal, dass man nur erfährt, wenn ein berühmter Mensch gestorben ist und nie, wenn einer geboren wurde. Diesen Übergang brauchte ich jetzt, um generell von schlechten Witzen sprechen zu können. Denn noch jemand ist gestorben: Manfred Deix. Den kennt jetzt in Lateinamerika bestimmt keiner. Er war ein scharfer und respektloser Zeichner der österreichischen Volksseele. Auch nicht bekannt sein dürfte der nächste Verblichene: Der Gourmet und Restaurantkritiker Wolfram Siebeck. Neben seinem legendären Ausspruch „Schlecht kochen können viele, aber die deutsche Hausfrau ist auch noch stolz darauf“ hinterlässt er Bücher für die richtig feine deutsche Küche, wie sie vermutlich weder Urlauber noch Austauschschüler jemals kennenlernen werden.

    Sicher aber kennen einige Oliver Masucci, den Protagonisten des Kinofilms Er ist wieder da. Der Film über das Wiedererscheinen Adolf Hitlers in Deutschland. Er läuft diese Woche in manchen Kinos gleichzeitig mit Hape Kerkelings Ich bin dann mal weg. Der dritte Film der Woche heißt Vor der Morgenröte und zeigt den Exodus der deutschen Schriftsteller zur Nazizeit am Beispiel Stefan Zweigs in Brasilien. „Da sitze ich hier, wo es so schön ist und sehe zu, wie sie in Europa alles kaputt machen“, sagt er. Hoffentlich nicht mehr als ein historisches Zitat. Gemerkt habe ich es mir trotzdem.

    Da wir schon wieder bei dem Wort „kaputt“ angekommen sind, muss man anständigerweise auf unserem In-and-Out-Catwalk auch die deutsche Volkswagen AG erwähnen, von der gerade 15 Milliarden Dollar Entschädigungszahlungen an amerikanische Kunden gegangen sind, das macht 46 Dollar pro U.S.-Einwohner – genug, um sich ein Trikot der chilenischen Nationalmannschaft zu kaufen (des amtierenden Copa-América-Gewinners).

    Jetzt habe ich nicht mitgezählt, ob in diesem Artikel mehr gegangen oder gekommen wurde. Ich habe aber Statistiken gelesen, nach denen im ersten Halbjahr 2016 mehr Nachrufe auf Verstorbene (Prince, David Bowie, Umberto Eco) veröffentlicht wurden als jemals vorher.

    Wo allerdings das Kommen und Gehen auf internationaler Ebene gezählt und observiert wird, ist die UNEP (United Nations Environment Programme). Man kümmert sich dort um Umweltanliegen, mit denen kein Land alleine klarkommen kann, Zugvögel zum Beispiel. Sie werden alle gezählt, um zu kontrollieren, ob sie auch wieder zurückfliegen. Was nützt es zum Beispiel einem Land, die Vögel mit teueren Maßnahmen zu schützen, wenn sie direkt hinter dem Grenzzaun gefangen und gebraten werden? Aus diesem Grund gaben die United Nations 1972 der UNEP, als „Stimme der Umwelt“ das Mandat, regional übergreifende Umweltaufgaben zu regulieren. Na also, geht doch!

    Ist nur zu hoffen, dass England nicht auf die Idee kommt, auch die „Vereinten Nationen“ zu verlassen und endgültig im Sommerloch zu verschwinden. Und dass nicht alle anderen Länder auch auf diese Idee kommen. Wenn ich in die Geschichtsbücher schaue, glaube ich fest, dass das Kommen und Gehen fest zum status quo gehört – mindestens als Kontrast zu meinem Platz als ewig Bleibendes in der Mitte. Als Konstante, mit der die Welt steht und fällt, so beschrieb vor etwa hundert Jahren der Wiener Philosoph Ludwig Wittgestein  den Platz des “Ich”, da sich “… beim Tod die Welt nicht ändert, sondern aufhört.” (Tractatus 6.431) Genau das denken sich jetzt alle Gegangenen. Wo immer sie hin sind. Auch die im Sommerloch. Für die letzte Destination klingt dieses Wort doch gar nicht so schlecht.

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