• Journalismus und Einblicke zweier Kulturen...

    Mein Radio-Tagebuch

    Radiohören in Deutschland ist sehr aufregend, denn es gibt über 400 verschiedene Sender. Außer dem Kultursender Deutschlandfunk kann man aber keinen davon überall hören. Das ist Absicht. Denn nach der Propagandaschlacht des Nationalsozialismus sollte es den Deutschen unmöglich gemacht werden, alle Einwohner des Landes mit denselben Botschaften zu erreichen. Radio und Fernsehen ist seitdem Ländersache und wenn man Deutschland auf der Autobahn durchquert, muss man in jedem Bundesland einen neuen Lieblingssender einstellen.

    Mein Radiotagebuch dieser Woche startet auf Deutschlandradio Kultur mit dem Bericht über Ganesh Chaturthi, dem Geburtstag des indischen Elefantengottes. Der Reporter berichtet aus Mumbai, wie aus einem Klumpen Dreck ein Elefant geformt, geschmückt, gefeiert und dann in den Fluss geworden wird, als Sinnbild und Zeichen für das Leben und Vergehen alles Irdischen.

    In Verbindung mit Lateinamerika scheint für die deutsche Kunstszene die dominierende Assoziation immer noch das Vergehen und vor allem das Verschwinden zu sein. Denn nach der Elefantenreportage wird für eine Ausstellung geworben, in der es um nichts anderes geht: Dark Mirror  – Lateinamerikanische Kunst seit 1968  im Kunstmuseum Wolfsburg. Die Daros Latinamerica Collection, Zürich, zeigt ihre Sammlung, darunter zum Beispiel einen Teppich aus Frauenhaaren der mexikanischen Künstlerin Teresa Serrano.

    Mehr Werden und Vergehen geht schon fast gar nicht.

    Ah – doch! Sogar in Wolfsburg ganz um die Ecke bei VW. Der Konzern sorgte für den Aufreger der Woche, indem er mit seiner Fälschungssoftware für Diesel-Abgasprüfungen eine ordentliche Beule in das Image der Deutschen Industrie gefahren hat. Ich kann alle beruhigen: Das fand auch in Deutschland niemand lustig. Kein einziger Medienbeitrag ging milde oder leichtfertig mit dieser Nachricht um. Und zwar in allen 400 Sendern.

    Auch Menschen, die gar kein Auto haben, waren sauer. Schließlich haben alle deutschen Bürger im Krisenjahr 2009 der Automobilbranche mit fünf Milliarden Euro Steuergeldern aus der Patsche geholfen. Das Programm hieß damals Abwrackprämie: Wer sein altes Auto wegwarf, bekam 2.500 Euro für ein neues geschenkt. Und jetzt ritzen sie so einen Kratzer in unser Ansehen!

    Über solch eine Branchenrettung durften sich sonst nur die Banken freuen. 236 Milliarden Euro seien für die Bankenrettung bezahlt worden, sagt eine Mitteilung der Deutschen Bundesbank.

    Ein alter Aberglaube sagt: Aller guten Dinge sind drei – wem also soll man mit den nächsten Steuermilliarden helfen?

    © F. SörgelIch finde, es könnte jetzt mal die Schuhindustrie drankommen, um ihre Entwicklung auf dem High Heel-Sektor voran zu bringen. Im Land der Latschen sind schöne Schuhe noch längst nicht in jedem Kleiderschrank angekommen, hier könnte eine Abwrackprämie einiges bewirken.

    Welcher Berufsstand neben den deutschen Ingenieuren übrigens ebenfalls bedroht ist, ist der der langbeinigen Werbemodels. Dies stellte sich in der nächsten Sendung heraus: Dem WDR5-Tagesgespräch. Dort dürfen Hörer und Hörerinnen anrufen und ihre Meinung zu einem Thema öffentlich im Radio sagen. Oft geht es derzeit natürlich um „die Neuen“, auch genannt Flüchtlinge, um Kerzen für Germanwings-Selbstmordpiloten, Sinn und Unsinn des Abschaltens von Straßenlaternen in der Nacht und Tattoos bei Polizeibeamten. Gestern war ein Thema dran, das immer geht: Nackte Frauen in der Werbung. Offenbar hoffte man darauf, dass massenhaft Feministinnen anrufen und sich aufregten würden. Aber das passierte nicht. Stattdessen rief ein aufgebrachter älterer Herr an und beschwerte sich bitterlich darüber, dass diese Mädels bei den internationalen Autosalons immer so ungünstig vor den Motorhauben stünden. Da könne man das Auto gar nicht richtig sehen, ob man die nicht irgendwie unauffälliger hinten hinstellen könnte. Ein CEO der Werbebranche parierte gelangweilt, ja diese Blondinen könne er auch nicht mehr sehen. Sie gehören halt notgedrungen zum Pflichtprogramm, quasi die billigste Lösung um jemand zum Hingucken zu bekommen.

    Hier zeigt sich auch gleich schon die Lösung dieses alten Streits: Wenn die Welt nun partout die Nacktwerbung braucht, soll man sie doch einmal endgültig vormontieren und für alle zur Verfügung stellen. Die synthetische „Hinschau-Liesel“, die man – wie es das  Smiley vormacht – überall dort aufdruckt, wo hingesehen werden muss. Damit diskriminiert man bestimmt kein hart arbeitendes Nacktmodel, das nebenher Physik studiert und in seiner Freizeit ehrenamtlich Flüchtlingskinder im Programmieren unterrichtet.

    Diskriminiert wurden heute in der Innenstadt mal wieder alle Liebhaber der griechischen Mythologie: Ein Laden mit zur Zeit ganz wichtigem Modeschmuck wurde neu eröffnet. Sein Name ist Pandora. Am Eingang standen heute zwei lächelnde Models und boten den Passanten entzückende Geschenke aus einem Henkelkörbchen an. Wohl wissend, dass der Prototyp der Pandora-Büchse nichts Gutes enthielt, ließ ich die Hände davon und empfahl den beiden Schönheiten, ihrem PR-Chef eine Sechs für diese miese Idee zu geben. „Aber, aber“ flöteten sie „es ist doch absoluter hard fact dass diese Pandora-Nummer damals schon der absolute Publicity-Hit war!“

    Soviel vom Werden und Vergehen. Die nächste Sendung behandelte die Wiederentdeckung alter Tomatensorten. Das Wort Lateinamerika fiel dabei mehr als drei Mal. Das war schön.

    Franziska Sörgel
    Traducción/Adaptación: Antje Linnenberg/Teresa Torres-Heuchel

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