• Journalismus und Einblicke zweier Kulturen...

    Auf Safari im Bildungscamp

    Die aktuelle Situation im deutschen Bildungsdschungel

     

    Tafel, Schwamm und Kreide – wie weit können sie Kinder noch vorbereiten auf ein Leben, in dem Autos von alleine fahren werden, Drohnen Einkäufe transportieren und alle Geräte in Haus und Büro miteinander kommunizieren? NIEMANDSLAND widmet sich dem Thema Digitalisierung des Schulunterrichts in drei Artikeln, die Pilotprojekte, technische Möglichkeiten und den aktuellen Stand der Diskussion in Deutschland vorstellen. Ausgangspunkt für diese Serie war ein internationaler Kongress für digitale Bildung, der Ende Oktober in Köln stattfand.

     

    Ein brainpool made in Colonia

    200 Stühle wurden gerückt, das Podium erleuchtet, das Publikum begrüßt. Doch zum ersten Mal seit vielen Jahren bittet mich niemand darum, mein Handy auszuschalten. Im Gegenteil: „Bitte twittert und bloggt eifrig mit“ baten die Veranstalter. Getuschelt wurde auch nicht, die privaten Unterhaltungen fanden lautlos per WhatsApp statt. Die Referenten in den Seminaren fanden es in Ordnung, dass ihre Beiträge via Periscope für die digitale Tagungsmappe abgefilmt wurden. Einige Teilnehmer hatten dafür extra kleine Stative für ihr Handy mitgebracht. Direkt am selben Tag standen die Vortragsfilme, Diskussionen sowie zahlreiches Informationsmaterial im Netz für jedermann zur Verfügung.

    Niemandsland.net.boDie Rede ist vom Digital Education Day, kurz #DED15, der am 24. Oktober 2015 in Köln stattfand. Lehrer, Theoretiker, Techniker und Macher aus aller Welt waren zum Bildungs-Barcamp eingeladen worden, um ihr Know-how und ihre Visionen eines digitalen Schulalltags vorzustellen, es war brechend voll.

    Auch Mitarbeiter der Bildungsministerien waren dabei. Sie signalisierten, dass sie gerne morgen schon mit dem Umbau der Lehrpläne und der Lehrerausbildung beginnen würden, denn jede Schülergeneration, die noch Wörterbücher und Atlanten schleppt und Computer nur in zwei Schulstunden pro Woche zu Gesicht bekommt, wird ihnen später Vorwürfe über ihre verfehlte Politik machen.

    Doch momentan gibt es noch nicht einmal an allen Schulen eine stabile Netzverbindung. Dazu ist Bildung in Deutschland Ländersache. Wie immer die Inspirationen des Digital Education Day in den einzelnen Landesministerien ankommen – es wird nie ein einheitliches Konzept daraus entstehen.

    Eine Vorreiter-Rolle nimmt Köln ein, die offiziell gekürte „digitale Hauptstadt“ der Bundesrepublik. Sie leistet sich etwas Einzigartiges: Eine eigene Entwicklungsabteilung für Schulsoftware. Ihr Leiter,  Jochen Ortling, entwickelt mit seinem Team aus Wirtschaftsinformatikern und Interface-Spezialisten nach eigener Aussage „alle Applikationen, die die Schulen morgen brauchen werden“. Und das wäre? Die Antwort ist ein ermunterndes Grinsen: „Das Rad dreht sich nach vorne, und der Weg entsteht durchs Gehen.“

    Ein paar Daten zur Praxis…. und zur Utopie

    Die 200 Lehrer im Bildungscamp waren keine Träumer. Sie hatten bereits komplexe Planspiele für den Physikunterricht programmiert, hatten verschiedene Projektoren für iPads getestet, mit GarageBand Songs im Musikunterricht aufgenommen, Noten gelernt und über AppleTV die eigene Gruppenarbeit den anderen in der Klasse zugänglich gemacht. Sie unterhielten sich darüber, wie man Worterkennungs-Kugelschreiber austrickst, die in 12 Sprachen falsch geschriebene Wörter mit einem lautlosen Vibrieren anzeigen. Und sie wussten ganz genau, wie es im Rest der Welt um das digitale Lernen bestellt war.

    Wer sich ebenfalls für den digitalen Ist-Zustand der (Schul-)Welt interessiert, für den ist die sogenannte ICLIS-Studie die geeignete Lektüre (International Computer Information and Literacy Study). Zusammengefasst sagt sie, dass Schüler 2,1 % des Umgangs mit Hardware, Internet, Anwendungen und Mediengeräten in der Schule lernen, den Rest bringen ihnen Freunde bei. „Deutschland ist ein Land der Autodidakten!“ schrien die Zeitungen, als die Studie Ende 2014 erschien.

    Es müsste ein straffer Fünfjahresplan in Deutschland eingehalten werden, wenn es nicht abrutschen will in ein Land der digitalen Handlanger. Das New Media Consortium in Texas legt in seinen Horizon Reports Digitalisierungsziele für 195 Länder vor. Bolivien ist auf der Landkarte des Instituts nicht erfasst. Für Deutschland sieht das Konsortium innerhalb von fünf Jahren einen Durchmarsch durch drei Digital-Niveaus vor: Vom mediengestützten Tafelunterricht über die Gamification – das interaktive Gruppenlernen mit ansprechenden Softwarelösungen – bis zum personalized learning, dem ganz speziell angepassten Lernprogramm, das jedes Kind optimal fördert. Ein sportlicher Plan.

    Jedoch, gegen all die Widrigkeiten kann ein Zauberwort wirken, es heißt Crowd: Die Pioniere des digitalen Lernens unterstützen sich gegenseitig und warten nicht, bis der Dienstweg da angekommen ist, wo sie hinwollen. Wer sich unter ihnen umsehen will, dem seien folgende Angebote empfohlen:

    • Der #EdChatDe auf Twitter. Dienstags von 20 bis 21 Uhr trifft man sich zum Chat auf Twitter. Infos gibt es über den EdCahatDe-Blog. Der Pflichttermin im Netz zum Thema!
    • Die Pilotschule. Die oben erwähnte Kaiserin-Augusta-Schule, um ein Beispiel zu nennen, zeigt in ihrem Blog ihre digitalen Projekte und ihre Erfahrungen damit.
    • Das „Lehrbuch für Lernen und Lernen mit Technologien“ ist die Bibel der Netz-Lehrer. Alles über Usability Engineering von den Kapiteln „Beziehung zwischen Lerntheorien und Didaktischem Design“ bis zur „Gestaltung von Materialien zum Lernen und Lehren ist hier als Print- oder in der  Onlineversion  zu erfahren.
    • Das GEO-Heft „Digital macht schlau“ vom Dezember 2014 fasst sehr anschaulich Projekte nicht nur aus Deutschland zusammen und informiert über bereits bestehende Lernplattformen.

    Demnach könnte die Digitalisierung des Unterrichts auch nach dem Grassroots-Prinzip funktionieren, wenn pro Schule ein Überzeugter aktive Multiplikatorenarbeit leisten würde. Das Ergebnis wäre dann keine Gipfelbesteigung auf dem Dienstweg sondern ein gemeinsamer Marsch in die Zukunft.

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