• Journalismus und Einblicke zweier Kulturen...

    Das geflippte Klassenzimmer

    Hardware, Software und Konzepte

    Tafel, Schwamm und Kreide – wie weit können sie Kinder noch vorbereiten auf ein Leben, in dem Autos von alleine fahren werden, Drohnen Einkäufe transportieren und alle Geräte in Haus und Büro miteinander kommunizieren? NIEMANDSLAND widmet sich dem Thema Digitalisierung des Schulunterrichts in drei Artikeln, die Pilotprojekte, technische Möglichkeiten und den aktuellen Stand der Diskussion in Deutschland vorstellen. Ausgangspunkt für diese Serie war ein internationaler Kongress für digitale Bildung, der Ende Oktober 2015 in Köln stattfand.

    Was steckt in einer digitalen Schultasche?

    Was die Technik im Klassenzimmer angeht, sind sich im Grunde alle einig: Sie wird mehr werden. Wenn man die Phase der digitalen Steinzeit mit dem Begriff „Computerraum“ markieren kann, heißt das Wort der Gegenwart „iPad-Klasse“. Das heißt, dass jeder Schüler ein iPad gratis in die Schultasche gesteckt bekommt, das ihm seine gesamte Schulzeitüber gehört, und das er auch zu Hause nutzen kann und soll. All seine persönlichen Daten, alle Schulbuchinhalte und individuellen Aufgaben befinden sich in einer SchulCloud, auf die er von seinem Tablet aus zugreift. Gemeinsam mit anderen chattet er auf seinem elektronischen Täfelchen, googelt, übersetzt, übt – um am Ende darauf geprüft und bewertet zu werden. Die Experimentieren damit ist sogar schon recht weit gediehen in Bayern . Müssen es denn iPads sein? Nein, doch Apple wird möglicherweise zum Universalausstatter deutscher Schulen, da es sein Anwenderpaket iWork an Schulen gratis verschenkt und viele tolle IOS-Apps dazu. Mit ihnen kann man zum Beispiel Singvögel anlocken, weil sie die entsprechenden Balzrufe intus haben, oder man hält sie gegen den Nachthimmel, um die Sternbilder dazu eingeblendet zu bekommen. Oder man lernt ganz klassisch Vokabeln mit ihnen, allerdings gleich in der richtigen Aussprache.

    © I. MüllerDie Alternative zur „iPad-Klasse“ hat ebenfalls bereits einen Namen und eine Menge Befürworter: BYOD (Bring Your Own Device). Womit sich Ihr Kind am besten auskennt, darauf soll es auch arbeiten. Da über 66% der über 10jährigen bereits eigene Smartphones oder Tablets besitzen, können sie diese genauso gut in der Schule nutzen. Wird damit nicht gerechnet oder recherchiert, liegen sie wie früher der Taschenrechner lautlos auf dem Platz. Ob auf diese Weise schneller auf Spickdateien zurückgegriffen wird als von Schulrechnern, hängt sicher mehr von der kriminellen Energie oder der Verzweiflung des Einzelnen ab als von der Technik. Schulrechner haben immerhin den Vorteil, dass innerhalb des Gebäudes alles miteinander kompatibel komponiert werden kann. Und die Schnittstelle zum Rechner zu Hause? Die wird bald dazu führen, dass Schulen in ihrem Logo ganz neue Bekenntnisse ablegen müssen, zum Beispiel „Wilhelm Löhe Gesamtschule (Android)“.

    …und im digitalen Klassenzimmer?

    Eine recht anschauliche Vorstellung vom digitalen Klassenzimmer vermitteln die Experten des European Schoolnet in ihrem Future Classroom Lab. Die Grafik zeigt die Grundbausteine des neuen Lernens, wie sie in den Foren und Pilotprojekten derzeit diskutiert und ausprobiert werden:

    • Gamification: Super Mario ist das pädagogische Vorbild dieses Zukunftsmodells. Sich von Level zu Level spielerisch hocharbeiten zu können, ganz ohne Eltern, Lehrer und Bedienungshandbuch ist das Ziel. In schwierigen Situationen helfen Freunde oder Gruppenarbeit weiter. Nach diesem Vorbild programmieren Lehrer seit längerem Unterrichtsinhalte in MOOC und MMORPG (Massive Open Online Course und Massively Multiplayer Online Role-Playing Games).
    • Personalized learning: Die Königsklasse des digitalen Unterrichts. Je nach Lerntyp, Tempo und Talent erhält jeder Schüler zum richtigen Zeitpunkt die für ihn passende Lerneinheit in der richtigen Form.
    • WhiteBoards: Die bekannten Schultafeln in digitaler Form sind schon seit einiger Zeit im Einsatz.
    • Surface-Tische: Als Arbeitstisch für Schüler war er bis jetzt nur auf der CeBIT zu sehen. Aufgaben, Filme, interaktive Landkarten und Tests können direkt auf die Schulbank aufgespielt werden. Zum Kunst- und Musikunterricht wird einfach die App gewechselt, schon hat man Keyboards, Bongos, Buntstifte und Pinsel vor sich. Nachteil: Die Firma hat noch keine Belastungstests durchgeführt.
    • Augmented reality: 3D-Simulationen und bewegte Bilder von komplizierten Sachverhalten bringen uns durch die zwei zusätzlichen Dimensionen das Sonnensystem oder das Wachstum von Embryos näher als das herkömmliche Schulbuch.
    • Etherpads: Ein Dokument, an dem mehrere Personen gleichzeitig arbeiten können. Sehr gut geeignet für räumlich getrenntes Gruppenarbeiten.
    • OER (Open Educational Resources): OER-Materialien sind zunächst frei verfügbare Bildungsmaterialien, an denen kein Schulbuchverlag verdient. OER ist darüber hinaus eine Bewegung zum weltweit freien Zugang zu Wissen.
    • Wikis: Wissen kollektiv sammeln, verwalten und dabei Datenschutzbestimmungen und akademische Rechercheregeln lernen, dafür sind Lexikon-Plattformen geeignet. Anders als in der „großen“ Wikipedia können Schüler in kleinen Schul-Wikis Einträge selbst editieren.
    • YouTube und SchulTV: Wissensfilme und Erklärungen, die entweder professionell erstellt sind oder von Lehrern und/oder Schülern bereitgestellt werden. Unterrichtsinhalte werden dadurch wiederholbar, können angehalten, wiederholt und geteilt werden.
    • Schul-Clouds: Um Lerndaten nicht in öffentlichen Netzen ablegen zu müssen, können Schulen sich einem UCloud-System anschließen. Jede Schule verwaltet damit eigene Daten, Termine, Adressen und kommuniziert über sein eigenes Webmail.
    • Chat-Funktionen: Chats können Lerngruppen bilden, es können aber auch Lehrer Arbeiten kommentieren und Erklärungen online abgeben, die jederzeit und beliebig oft nachgelesen werden können.
    • SocialMedia: Lerngruppen organisieren sich gesteuert über geschlossene Gruppen in sozialen Netzwerken. Pro Fach oder Kurs können Schüler jeweils eigene Gruppen aufmachen, wie es informell über WhatsApp oder Facebook bereits geschieht.
    • Online-Kommunikation: Einen Austauschschüler oder Spezialisten über Skype oder WhatsAppCall anzurufen, kann ein Problem manchmal besser lösen helfen, als im Lexikon zu blättern. Die gute alte Telefonkette wurde übrigens schon längst durch WhatsApp ersetzt.
    • Digitales Feedback: Schüler können in Echtzeit auf den Unterricht reagieren und ihn bewerten, schon mehrere Apps dazu sind im Umlauf.
    • Quick-Tests: Lernlevel werden online einem standardisierten Zwischencheck unterzogen. Die Schüler erhalten schnelles und lehrerunabhängiges Feedback, das mittlerweile auch Aufgaben in Fließtext bereits vorbewertet. Feedback auf schlechte Leistungen wird von einem anonymen System dabei oft leichter akzeptiert als von Lehrern.
    • Copy-Quote: Feedbackprogramme errechnen ebenfalls, wie viel Prozent des Textes aus dem Netz kopiert ist und schreibt die Copy-Quote unter die Arbeit. In den U.S.A. sehr beliebt.
    • Raspberry Pi: Dies ist ein open source Programmiertool, um selbst programmieren zu lernen. Viele Lehrer halten dies für die wichtigste Neuerung im Curriculum.

    Digital = Stromrechnung + X?

    Diese Fülle an Möglichkeiten zeigt uns jedoch immer noch kein neues Lernkonzept und  unterscheidet sich bis auf den Stromverbrauch noch nicht sonderlich von unserem bisherigen Unterricht. Aus den vielen Pixeln des „digitalen Klassenzimmers“ leuchten jedoch die zwei Urfragen jedes Schülerdaseins hervor:

    • „Wozu sind Hausaufgaben gut?“ und
    • „Wer ist daran schuld, wenn ich etwas nicht verstehe?“

    Ein alter Schülerwitz lautet: „In der Schule: 3+1=4. In der Prüfung: Ein Reh hat sich im Wald verlaufen, berechnen Sie X“. Das also fühlen Kinder, wenn sie eine sogenannte Transferaufgabe lösen sollen. Zeit, sich die einzelnen Elemente des Transfers genauer anzusehen.

    Diese Analyse haben sich die Verfechter des Flipped classroom vorgenommen, auch inverted classroom genannt. Ein  Lehrervideo erklärt das Prinzip. Wir fassen zusammen: Nach alter Ordnung wird neuer Stoff in der Schule erklärt und in den Hausaufgaben, alleine, geübt. Schüler, die den Stoff nicht gut verstanden haben, sitzen den Übungsaufgaben zu Hause frustriert und ohne Hilfe gegenüber, geben auf und kommen unvorbereitet in den Unterricht. Anders herum, im Flipped classroom, erarbeiten sich die Schüler ein neues Thema zu Hause anhand von Internetrecherchen oder Lernvideos auf YouTube, die sie jederzeit ansehen, stoppen und wiederholen können. Fragen dazu bringen sie am nächsten Tag in den Unterricht mit, wo sie das neue Wissen üben, mit dem Lehrer als kompetentem Berater an ihrer Seite. Reicht das nicht, kann der Lehrer in Einzel- oder Gruppenchats noch gezielter weiter helfen, bis das Thema „sitzt“. Soviel zum Wandel der Hausaufgaben, die übrigens mittlerweile Lernaufgaben heißen, da dank Ganztagsschule kaum jemand mehr Zeit zu Hause verbringt.

    Der Ort des Lernens ist dementsprechend nicht mehr an ein Schulgebäude gebunden. Dank Videos, Etherpads, Wikis, Lernclouds, Lehrerchats und Kopfhörer ist der Übergang vom Klassenzimmer zum Kaffeehaus- oder Schreibtisch fließend. Diese Möglichkeit nennt man Blended classroom.

    Vielleicht braucht man auch gar keine Schulräume mehr. Außerhalb der Städte könnte das „virtuelle Klassenzimmer“  eine gute Möglichkeit sein, trotz weniger Schüler viele verschiedene Lerninhalte anzubieten.

    Wenn Erwachsene etwas dazulernen wollen, nehmen sie bereits jetzt immer öfter im eigenen Wohnzimmer an reinen Onlinekursen, so genannten  Webinaren  teil. Auch die Volkshochschule, der größte Anbieter für Erwachsenenbildung in Deutschland, hat mittlerweile einen Teil ihres Programms auf Online-Lernen umgestellt. Und für einige beliebte Fortbildungen, vor allem im kaufmännischen Bereich, fällt es immer schwerer, Kurse zu finden, in denen noch ein „echter“ Lehrer anwesend ist.

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